Donnerstag, 7. Oktober 2010

Ist Proteintiming ein Mythos?

Sofort nach dem Training muss man Protein zuführen, denn sonst verpasst man den wichtigsten Zeitpunkt für die Proteinzufuhr und die Trainingsergebnisse sind nicht so, wie sie sein könnten.“

Solche und ähnliche Aussagen finden sich in fast jedem Ratgeber zum Muskelaufbau. Doch haben diese Aussagen einen wahren Kern und lassen sie sich mit wissenschaftlichen Studien belegen?

Natürlich werden jetzt viele aufschreien, denn fast überall ist ja auch zu lesen, dass eine Proteinzufuhr direkt nach dem Training die Proteinsynthese des Körpers erhöht. Fall somit abgeschlossen, oder? Ganz so leicht ist es leider nicht, denn eine erhöhte Proteinsynthese nach dem Training ist nicht gleichzusetzen mit einem tatsächlichem Muskelzuwachs über einen längeren Zeitraum. Die Erklärung hierfür ist etwas komplizierter, nutzt einem dafür aber auch für andere Wissensbereiche.

Bei der verstärkten Proteinsynthese nach dem Training handelt es sich um einen sogenannten Surrogatendpunkt. Wer diesen Begriff bislang noch nie gehört hat, befindet sich in guter Gesellschaft, denn wahrscheinlich haben 90 Prozent von denen, die über Proteintiming sprechen das auch nicht. Um den Begriff Surrogatendpunkt zu erklären, müssen wir erst einmal einen Blick darauf werfen, was uns eigentlich interessiert und wie eine solche Studie aufgebaut sein muss. Was einen an der Frage des Proteintimings interessiert ist natürlich, ob durch eine Proteineinnahme direkt nach dem Training der Muskelaufbau höher ausfällt als wenn man die gleiche Menge an Protein zu einem anderen Zeitpunkt nehmen würde. Jetzt muss man wissen, dass Muskelwachstum ziemlich schwierig zu messen ist und natürlich auch eine ganze Zeit lang dauert. Um mittels ausgefeilter Methoden Muskelaufbau zu messen, müsste die Studie schon ein paar Wochen dauern. Da eine solche Studie relativ aufwändig und natürlich auch teuer ist, nimmt man häufig kürzere Studien, bei denen nicht das eigentliche Endergebnis, sondern lediglich die oben genannten Surrogatendpunkte gemessen werden. Hierzu Beispiele aus der Medizin: Was einen Menschen interessiert sind die klar feststellbaren Ereignisse wie Krankheit oder Tod.  Bis solche Ereignisse eintreten, können auch in der Medizin mehrere Jahre vergehen. Von daher werden bei vielen medizinischen Studien Zielgrößen herangezogen, die Anstelle von dem eigentlichen Endpunkt gemessen werden. Bei diesen Zielgrößen handelt es sich meist um physiologische Werte, von denen man annimmt, dass sie mit dem eigentlichen Endpunkt in Verbindung stehen. So geht man in der Medizin beispielsweise davon aus, dass ein erhöhter Blutdruck das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall steigert. Wenn durch ein Medikament der Blutdruck gesenkt wird, so hat man einen Surrogatendpunkt von dem man annimmt, dass er auch das Endergebnis – Herzinfarkt – positiv beeinflusst.

Leider ist dieser Zusammenhang nicht immer so, wie es das Zwischenergebnis nahelegt. Gerade in der Medizin finden sich hierfür einige bekannte Beispiele. So nahm man beispielsweise an, dass eine erhöhte Vitamingabe bei Rauchern lebensverlängernd wirkt und im Blut konnte nach Vitamingabe die Blutkonzentration an Vitaminen auch erhöht werden. Leider brachte das den Rauchern nichts, denn unter Vitamingabe war die Gesamtsterblichkeit erhöht. Ein weiteres Beispiel betrifft Frauen nach den Wechseljahren. Die jahrelang praktizierte Gabe von Hormonen sollte vor allem vor Herz-, Kreislauferkrankungen schützen und so das Leben verlängern. Leider bewirkte die praktizierte Hormongabe auch ein höheres Auftreten von Brustkrebs und wirkte sich damit äußerst negativ aus. Was durch diesen etwas komplizierten Abschnitt hoffentlich klar geworden ist, ist dass ein Surrogatendpunkt nicht automatisch mit dem Endergebnis gleich gesetzt werden darf. Dies gilt in der Medizin genauso wie bei der Ernährung.

Jetzt ist hoffentlich auch klar geworden, dass eine Erhöhung der Muskelproteinsynthese nach dem Training durch sofortige Proteinzufuhr nicht automatisch mit einem Zuwachs an Muskelmasse einhergeht.

Aus diesem Grunde habe ich nur nach Studien gesucht, die tatsächlich über mehrere Wochen durchgeführt wurden und bei denen der einzige Unterschied zwischen den Versuchsteilnehmer der Zeitpunkt der Proteinzufuhr war.

Die Ergebnisse dieser Studien stimmen nicht allzu optimistisch, was das Proteintiming angeht. Die einzige Studie die tatsächlich zu einem positiven Ergebnis kommt wurde mit 74-jährigen Männern ohne jede Trainingserfahrung durchgeführt. Ob dies dem normalen Trainierenden entspricht darf bezweifelt werden. Die Zweifel werden sogar noch größer wenn man weiß, dass die Studie von einem Proteinhersteller finanziert wurde. Am größten werden die Zweifel jedoch dadurch, dass in einer neueren Studie mit Männern des gleichen Alters die Studienergebnisse nicht reproduziert werden konnten.

Aber nicht nur ältere Männer wurden als Probanden genommen, sondern in einer neueren Studie wurden 33 jüngere Männer als Probanden genommen, die alle Erfahrungen mit Krafttraining hatten. Über einen Zeitraum von 10 Wochen konsumierte die eine Gruppe ihr Proteingetränk direkt vor und nach dem Training, die andere Gruppe morgens und abends. Nach 10 Wochen hatten alle Versuchsteilnehmer die gleichen Ergebnisse erzielt.

Zusammenfassung: Wenn man sich die bisherige Studienlage unter den oben geschilderten Voraussetzungen anschaut, dann ist es vor allem wichtig, dass genügend Protein zugeführt wird. Wann diese Zufuhr erfolgt sollte sich jedoch mehr nach Appetit und Tagesablauf richten anstatt nach Empfehlungen deren Wahrheitsgehalt erst noch überprüft werden muss. Wer gerne direkt nach dem Training oder auch vorher einen Proteindrink oder Aminosäuren zu sich nimmt macht sicher nichts verkehrt, erzielt aber höchstwahrscheinlich keinen anderen Ergebnisse als bei anderen Einnahmezeitpunkten.

15 Kommentare:

Batze hat gesagt…

Danke Harald für diesen sehr informativen Post.

Für mich ist es sehr beruhigend zu hören, dass ich anscheinend nicht zwingend direkt nach dem Training Eiweiß konsumieren muss.

Da es bei mir immer mal vorkommt, dass ich nach dem Training oder körperlicher Belastung kein Eiweiß zur Hand habe.

Viele Grüße
Batze

Mark G. hat gesagt…

Hm, ja das reines Protein nicht unbedingt mehr effekt nach dem Training bringt hatte ich schon vermutet;) Danke für die Aufklärung!

Was ich mich allerdings frage ist, wie siehts vom Effekt aus, wenn man Whey Protein (ja ist auch nur Protein) in Kombination mit schnellen Kohlenhydraten wie Traubenzucker zu mir nehme um die Insulinempfindlichkeit nach dem Training zu nutzen. Hat das gesamte auch wiederrum keinen messbaren Effekt? Dann könnte man sich das Whey nämlich wirklich schenken, vgl. mit einem deiner älteren Beiträge zu Milch/Molkeprotein.

Grüße
Mark

Harald Gärtner hat gesagt…

Hi Mark,
kommt darauf an, wie Du "messbaren Effekt" definierst. Ich muss mich nochmal schlau machen, aber soweit ich weiß macht es einen Unterschied was die Insulinempfindlichkeit und die Rate der Kohlenhydratspeicherung angeht. In Bezug auf langfristige Ergebnisse, sprich Muskelaufbau gilt das Gleiche wie im Artikel beschrieben.
Wichtig ist die Proteinzufuhr insgesamt. Zu Wehy und Casein gibt es ein paar Studien. Muss ich aber nochmal selber raussuchen, bevor ich jetzt hier Quatsch schreibe.

Freddi hat gesagt…

Mal wieder ein echt interessanter Artikel, danke dafür.

Da das Insulin auf Grund der schnellen Kohlenhydrate ausgeschüttet wird und nicht nur die Auffüllung der KH-Speicher sondern auch die Verarbeitung / Einlagerung? der Eiweisse begünstigt, denke ich dass es auf lange Zeit gesehen wohl einen messbaren Unterschied in Bezug auf die Muskelmasse ausmacht, wie groß dieser beim Einzelnen ist vermag ich nicht zu sagen. Ich tippe auf eine Zahl im Gramm-Bereich.


MFG
Freddi

Harald Gärtner hat gesagt…

Hi Freddi,
messbarer Unterschied im Grammbereich? Ich versuch mal was zu Kohlenhydraten nach dem Training und Muskelaufbau zu finden.

Freddi hat gesagt…

Wie gesagt, eine Schätzung, bezogen auf Trainingsjahre, nicht auf einmaligen Konsum. Tendiere wenn überhaupt in den Gramm-Bereich, da die normalen Zuwächse ja nicht gerade riesig ausfallen.

Harald Gärtner hat gesagt…

Hi Freddi,
stimme Dir absolut zu. Die Frage die sich dann stellt ist doch, ob sich der ganze Aufwand mit kurzkettigen Kohlenhydraten, Wheyprotein usw. für den Normalsportler überhaupt lohnt.

Heike K. hat gesagt…

Ja, ich bitte auch um Info, wie es mit den schnelle KH nach dem Training ausschaut und ob dann verbesserter Effekt in Verbindung mit Whey oder nicht.
Danke vorab - und danke mal allgemein für den tollen Blog und die stets interessanten Infos!
Beste Grüße
Heike K.

Fried hat gesagt…

Ja, ja, wenn die "Trainierenden" mal sich soviel für die Trainingssteuerung würden interessieren, wie für die Nahrungsergänzung, würde der Trainingserfolg wohl auch höher öfters ausfallen... :))

Beste Grüße

Harald Gärtner hat gesagt…

Hi Heike,
kümmere mich um das Thema, folgt demnächst.

Hi Fried,
gebe Dir 100prozentig recht. Du sprichst mir aus der Seele.

Freddi hat gesagt…

Hi Harald,

was mir noch zum Thema eingefallen ist. Wenn die zeitliche Zufuhr wirklich keine Rolle spielt, so kann man ja ohne schlechtes Gewissen auf günstige Proteinquellen wie Quark etc. zurückgreifen und muss nicht unbedingt das "gute" Wheyproteinisolat zuführen?! Somit wäre rein theoretisch auch kein Vorteil mehr für einen Shake anstatt einer proteinreichen festen Mahlzeit gegeben oder?

MFG
Freddi

ernst hat gesagt…

ich frage mich bei der ganzen, zugegeben interessanten diskussion nur, warum der leser hier nun dem autoren mehr glauben schenken solte, als den gegenteiligen meinungen, was proteinsynthese, kh-zufuhr etc. angeht.
am besten, man holt sich immer viele verschiedene infos und vor allem: eigene erfahrung. nichts ist als verbraucher wichtiger, als eigene erfahrung!
autor: 25 jahre trainingserfahrung, seit 20 jahren fitnesstrainer und selbst fitnessstudiobetreiber.
dennoch: respekt für all deine artikel, harald.
peter ernst, bremen/hamburg

Harald Gärtner hat gesagt…

An Freddi: Außer der Resorptionsgeschwindigkeit gibt es ja auch noch weitere Punkte wie beispielsweise biologische Wertigkeit. Von daher macht es schon einen Unterschied. Ob sich dieser aber in mehr Muskulatur auszahlt ist wiederum fraglich.
An Ernst: Du hast recht. Man sollte mir auf keinen Fall mehr Glauben schenken als all den anderen. Darum versuche ich in den allermeisten Posts meine Quellen offenzulegen um meinen Denkprozess und meine Schlussfolgerungen nachvollziehen zu können. Ich wünsche mir sogar, dass mehr Leute beginnen kritische Fragen zu stellen und sogenannte Autoritätenmeinungen zu hinterfragen.
Noch ein Punkt: Eigene Erfahrung hilft sicher bei einigen Punkten aber nicht bei allen. Proteintiming ist solch ein Beispiel. Niemand ist hier in der Lage aufgrund der eigenen Erfahrungen definitive Antworten geben zu können, denn viel zu viele Störfaktoren wie Training, erholung, etc. fließen hier mit ein.

Heike K. hat gesagt…

Hallo Harald,
hab grad auf Andreas Scholz´Facebook Seite folgende Info gelesen:
"Neuigkeiten von der Universität Queensland, Australien:
Wissenschaftler (Cooke et al, 2010) haben herausgefunden, dass der Verzehr eines Protein-Shakes nach dem Training (in der Studie Whey Protein) signifikant das Wachstum und die Regeneration der trainierten Muskelgruppe verbessert! In diesem Sinne: genießen Sie Ihren Post-Workout-Shake in vollen Zügen!"
04. November um 00:23
Kennst Du die Studie der Uni Queensland? Wie ist Deine Meinung dazu?
Danke vorab und viel Grüße!
Heike

Claudia hat gesagt…

Hallo Harald,
erst einmal danke für Deine informativen Artikel. Ich frage mich bezüglich der Proteinzufuhr - ähnlich wie Fried - ob eine zusätzliche Eiweißeinnahme tatsächlich die versprochenen Effekte hat - oder ob ich durch entsprechende (ausgewogene) Ernährung nicht genügend Eiweiß zu mir nehme. Soweit ich weiß, ist ein Zuviel an Proteinen (wenn ich mich recht entsinne mehr als 3g/kg Körpergewicht) sogar gesundheitsschädlich. Gibt es zu meiner Frage verlässliche Studien?