Viele die diesen Blog lesen, werden vermutlich schon ein- oder auch mehrmals ihren Körperfettanteil bestimmt haben lassen. Wahrscheinlich waren ein paar über das Messergebnis erfreut, andere vielleicht eher geschockt oder alarmiert. Die Frage ist, wie genau diese „Messergebnisse“ tatsächlich sind. „Messergebnisse“ habe ich bewusst in Anführungszeichen gesetzt, denn tatsächlich handelt es sich bei den durchgeführten „Messungen“ nicht um tatsächliche Messungen, sondern um Vorhersagen mit teils sehr starken Abweichungen von den tatsächlichen Werten. Das Ganze ist vergleichbar mit einer Wettervorhersage, die wie viele schon selbst erfahren haben nicht immer zu 100% korrekt ist. Die in der Praxis durchgeführten Messungen von Körperfett sind leider noch nicht einmal annähernd so genau wie der Wetterbereicht.

Daher geht es in diesem und im folgenden Post um die Schwierigkeiten den Körperfettanteil zu bestimmen. Das trägt hoffentlich dazu bei, dass die von der Messung ausgespuckten Zahlen nicht zu einer Depression oder gar manischen Phase führen.
Die einzige genaue Methode Körperfett zu bestimmen
Leider ist die einzig 100% korrekt Messung am lebenden Menschen nicht möglich, denn wirklich genau wird die Messung erst, wenn man den Körper Stück für Stück auseinanderschnippelt und analysiert. Dann würde man seinen Körperfettanteil zwar genau wissen, hätte aber nichts mehr davon. Da man also den Körperfettanteil nicht direkt bestimmen kann, kommen unterschiedliche indirekte Messmethoden zum Einsatz, um den Körperfettanteil vorherzusagen. Gebräuchlich ist dabei im Fitnessbereich die Messung mittels Hautfaltendicke, die Bioelektrische Impedanz (BIA) oder auch das Nahe-Infrarotmessen. In medizinischen Fakultäten und Kliniken kommen auch aufwändigere Methoden wie Unterwasserwiegen oder DEXA-Scans (Dual Energy X-Ray Absorptiometry, eine spezifische Form des Röntgens) zum Einsatz.
Egal welche der eben genannten Techniken zum Einsatz kommt: Sie haben alle Messfehler. Einige der Techniken haben zwar eine größere Genauigkeit als andere, aber sogar die beste und teuerste Technik liefert nur ungenaue Ergebnisse.

Um nachvollziehen zu können woher diese Ungenauigkeiten kommen und wie groß diese tatsächlich sein können, müssen wir etwas tiefer in die Materie einsteigen.
Das 2-Komponenten-Modell
Die meisten Methoden zur Körperfettmessung wie Hautfaltenmessung und BIA basieren auf dem sogenannten 2-Komponenten-Modell. Das bedeutet ganz einfach, dass unser Körper aufgeteilt wird in Fettmasse und fettfreie Masse. Hier liegt häufig ein Fehler den einige Personen machen, wenn sie nach einer Messung hören, dass ihre fettfreie Masse soundsoviel Kilogramm beträgt: Sie nehmen an, bei der fettfreien Masse handelt es sich um Muskeln. Tut es aber nicht, denn fettfreie Masse ist eben alles, was nicht Fett ist, also beispielsweise auch Knochen, innere Organe, Blut, unser Magen und Darminhalt usw. Schon allein das Trinken von 2 Litern Wasser erhöht daher kurzfristig die fettfreie Körpermasse um 2 Kilogramm. Bleibt festzuhalten: Fettfreie Körpermasse ist nicht gleichbedeutend mit Muskelmasse. Schauen wir jetzt auf den sogenannten Goldstandart bei der 2-Komponentenmessung dem hydrostatischen Wiegen oder einfach nur Unterwasserwiegen.
Das Unterwasserwiegen
Beim Unterwasserwiegen wird die zu messende Person vollständig unter Wasser getaucht. Fettfreie Masse ist dichter als Fettmasse und daher verdrängt Fettmasse mehr Wasser. Zusätzlich hat Fett mehr Auftrieb als fettfreie Masse. Durch Messung von Wasserverdrängung und Auftrieb ist es daher möglich Rückschlüsse auf das Verhältnis von Fett und fettfreier Masse zu treffen.
Hört sich einfacher an als es ist, denn in der Praxis muss die Versuchsperson bei Eintauchen in Wasser soviel Luft wie möglich aus ihren Lungen ausatmen. Darüber hinaus müssen sämtliche Luftbläschen von der Haut abgewischt werden. Ungenauigkeiten verstecken sich aber auch dann, wenn man diese Punkte beachtet, denn es bleibt immer etwas Luft in den Lungen zurück und auch im Magen Darmtrakt kann noch Luft enthalten sein. Selbst wenn auch noch diese Punkte miteinbezogen werden, bleibt die größte Ungenauigkeit, nämlich die Berechnung der Dichte mithilfe einer Formel. In dieser Formel wird angenommen, dass fettfreie Masse eine bestimmte Dichte hat. Hat sie auch, allerdings abhängig von der ethnischen Herkunft. So haben Schwarze eine andere Dichte als Chinesen oder Weiße kaukasischer Herkunft. Okay, dann muss man eben nur die richtige Formel für die richtige Rasse verwenden, richtig? Falsch, denn Gewichtszunahme oder Abnahme oder eine Verschiebung im Flüssigkeitshaushalt kann Einfluss auf die Dichte und somit das Messergebnis haben.

Zwischenfazit: Selbst der oft genannte Goldstandart der Fettmessung hat seine Ungenauigkeiten. Fragt sich nur wie ungenau? Um diese Frage zu beantworten lohnt ein Blick auf das 4-Komponenten-Modell
Das 4-Komponenten-Modell
Wie der Name schon sagt, wird beim 4-Komponentenmodell der Körper in 4 verschiedenen Komponenten eingeteilt: Mineralien, Wasser, Fett, Protein. Dieses Modell hat den Vorteil, dass die Messungenauigkeiten aufgrund der Dichteschätzung vermieden werden. Um diese 4 Komponenten zu bestimmen wird der Körper sowohl hydrostatisch gewogen und zusätzlich kommt eine DEXA-Messung zur Bestimmung der Mineralien (sprich Knochen) und eine Technik Namens Deuterium Dilution zum Einsatz bei der das Gesamtkörperwasser bestimmt wird. Genauer als mit diesem extrem hohen technischen aufwand wird die Messung beim lebenden Menschen nicht mehr. Vergleichen wir jetzt das Unterwasserwiegen mit dem 4-Komponentenmodell.
Messgenauigkeit von Unterwasserwiegen
Jetzt beginnt die Sache kompliziert zu werden, denn jetzt müssen wir zwischen durchschnittlichem und individuellem Messfehler unterscheiden. Hier eine kurze Erklärung: Wenn ich bei einer Zielscheibe einmal rechts 10 Zentimeter vorbeischieße und einmal links 10 cm, dann habe ich im Durchschnitt voll ins Schwarze getroffen. So verhält es sich auch beim Unterwasserwiegen, denn die individuelle Fehleinschätzung kann bis zu 5% betragen. Konkret bedeutet das, dass wenn jemand mittels Unterwasserwiegen getestet wird und einen Messwert von 20 Prozent erhält kann der tatsächliche Körperfettanteil 15 oder 25 Prozent betragen. Eine doch recht große Spanne.
Problematisch wird es auch, wenn man die Veränderung des Körperfettanteils durch eine Diät messen möchte, denn wie oben bereits beschrieben, kann sich durch eine Diät die Dichte der fettfreien Masse ändern.

In einer Studie wurde die Veränderung des Körperfettanteils mit Unterwasserwiegen gemessen und mit den Messungen des 4-Komponentenmodells verglichen. Das Ergebnis war, dass bei den meisten die Ergebnisse des Unterwasserwiegens zwar einigermaßen genau sind, individuell es aber vorkommen kann, dass sich beim Unterwasserwiegen überhaupt kein Unterschied zeigt, die Person in Realität aber 10% Körperfett verloren hatte. Das bedeutet konkret, dass die Messergebnisse teilweise nichts mit der Realität zu tun haben und auch Veränderungen nicht angezeigt werden.
Traurig ist dabei, dass es die anderen Messmethoden noch schlechtere Ergebnisse liefern.
Mehr dazu beim nächsten Post. Bis dahin bleibt das vorläufige Fazit, dass Daten aus Körperfettmessungen nicht allzu ernst genommen werden sollten.


7 Kommentare:
Wie gewohnt ein klasse Bericht mit kritischer Betrachtung fester Größen. Selbst der "Goldstandard" wurde entweiht, du traust dich was ;-). Klasse Harald, immer wieder lesenswert, höchste Präzision gepaart mit dem gewissen Charm und Lesewitz.
Hi Raphael,
danke für den netten Kommentar. Tue mein Bestes.
Hi Harald,
klasse Beitrag!
Freue mich schon auf Teil 2.
Wenn Prozente und Kilogramm kaum Aussagekraft haben, sind wir vielleicht am Ende doch wieder beim Spiegel als probate Lösung angekommen?
Grüße
Robert
Hm, woher weiß man denn, dass jemand in der Realität 10% Körperfett verloren hat, wenn es doch gar nicht wirklich messbar ist?
Hi Robert,
werde im nächsten Beitrag etwas dazu schreiben.
Zu Anonym: Ich hatte mich wohl nicht präzise genau ausgedrückt. Bei den Abweichungen handelt es sich um Vergleiche des Unterwasserwiegens mit der extrem aufwändigen 4-Komponenten-Methode, die wirklich als der Goldstandart anzusehen ist.
Es heißt Standard ;)
Jap, wieder ein super Artikel, so wie jeder in diesem Blog.
Gratulation Harald, dein Blog ist so ziemlich die einzige Informationsquelle für Training und Fettabbau im Internet der ich traue.
Ja, stimmt. Ohne Rechtschreibprüfung wäre ich wahrscheinlich ziemlich aufgeschmissen. Zum Glück habe ich nicht Germanistik studiert.
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